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Bibliotheken & Archive: Über die Bibliothek als Ort der Begegnung mit Wiebke Rössig

Foto: Yan Krukau / pexels

Dr. Wiebke Rössig arbeitet als Co-Leitung des Programmreferats an der Zentral- und Landesbibliothek in Berlin. Sie ist Expertin für offene Wissenschaft und Partizipation in Forschung und Kulturbetrieb. Im Interview haben wir mit ihr über die Bibliothek als Ort der Begegnung und die Potenziale des Raumes für Citizen Science gesprochen.  

Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) ist mit über 3,5 Millionen Medien und aktuell 1,5 Millionen Besuchen im Jahr die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands. Aus welchen Gründen kommen die Menschen zu euch?

Wiebke: Die meisten kommen tatsächlich vor allen Dingen zum Arbeiten her. Studierende, und Schüler*innen, aber auch Menschen, die kein festes Büro haben oder keinen Platz zuhause. Wir bieten Hilfe bei Hausaufgaben oder Rechercheunterstützung. Andere nutzen es als Aufenthaltsort, um beispielsweise Zeitung oder Zeitschriften zu lesen, die wir verfügbar haben. Ansonsten sind wir auch "Ort der Wärme", das heißt es kommen Menschen zu uns, die einen warmen Ort brauchen. Ich bin hier zuständig für das Programm. Ich kümmere mich um Angebote, die über den Verleih von Medien, die Arbeitsplätze und den freien Aufenthaltsraum hinausgehen. Und natürlich kommen Menschen auch extra für unsere Veranstaltungen.

Das sind wirklich vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Als ich neulich vor Ort war, hat mich die quirlige Stimmung beeindruckt.

Wiebke: Ja, also wir sind schon eine eher lautere Bibliothek. Man darf sich bei uns unterhalten – in einer angebrachten Lautstärke – und auch essen und trinken. Dadurch entsteht eine geschäftige Atmosphäre. Insbesondere im Neubau "Pop Up" findet man immer so eine Mischung aus Gruppen, die gemeinsam lernen, Leuten, die sich individuell zum Arbeiten zusammenfinden und natürlich denjenigen, die unsere Programmangebote wahrnehmen. Das ist eine relativ friedliche Koexistenz in den allermeisten Fällen.

Ich würde mich freuen, wenn du uns den Unterschied zwischen öffentlicher Bibliothek und wissenschaftlicher Bibliothek darstellen könntest?

Wiebke: Wissenschaftliche Bibliotheken richten ihren Bestand an den Bedarfen des wissenschaftlichen Studiums und der Forschung aus. Sie gehören in der Regel zu wissenschaftlichen Institutionen und haben den Anspruch, Forschungsliteratur auch tiefergehend bereitzustellen. Aber auch bei uns findet sich viel wissenschaftliche Literatur. Die grobe Faustregel bei uns lautet, dass man Themen bis zu einem Bachelor-Level zur Verfügung stellt. Wir haben auch einiges an großen wissenschaftlichen Zeitschriften, aber nicht alle Zugänge, die man für ein Master-Level oder eine Promotion braucht. Dafür gibt es die Forschungsbibliotheken. Und in den öffentlichen Bibliotheken gibt es natürlich mehr Belletristik, Sachbücher und Anleitungen für Hobby und Garten und Kinder- und Jugendliteratur.

Wie du bereits erwähnt hast, bist du für das Programm zuständig. Was steckt dahinter?

Wiebke: Die Idee ist, dass wir kulturelle Teilhabe und Teilhabe an Wissen gewährleisten, die über das Bereitstellen von Medien oder Objekten noch hinausgeht. Das ist das eine Ziel. Wir begleiten oder bieten Zusatzangebote zu den Medien, zum Beispiel durch Lesungen oder Filmvorführungen. Es ist immer alles öffentlich zugänglich, kostenlos und ohne Anmeldung für jeden. Das macht unseren Ort besonders. Das andere Ziel ist, dass wir ein Ort sein wollen, in dem Debatten geführt werden können, und zwar auf eine offene und respektvolle Weise. Bei uns haben zum Beispiel Shai Hofmann und Jouanna Hassoun zum Thema Israel und Palästina einen großen Stuhlkreis mit 50 Personen gemacht. Wir haben dafür Awareness-Teams, die das begleiten, aber alles ist öffentlich zugänglich und kostenfrei. Das dritte Ziel ist, eine Plattform zu sein für das, was in der Gesellschaft so passiert. Wir stellen unsere Räume zur Verfügung, sodass Andere Formate öffentlich anbieten können. Wir begleiten dabei und unterstützen. Heute Abend zum Beispiel ist der Verein Wahlheymat da, der sich für die Teilhabe und Partizipation in der Demokratie stark macht. Kurz vor der Wahl hat die Schwarzkopf Stiftung Junges Europa bei uns in einer großen Fishbowl über die Repräsentation in unserer Demokratie diskutiert. Das sind die drei Säulen unseres Programms.

Sind diese Funktionen und Aufgaben öffentlicher Bibliotheken neu?

Wiebke: Bibliotheken machen schon lange Angebote jenseits des Leihverkehrs und sind seit jeher Orte des Austausches. In den letzten zehn Jahren gab es aber einen Aufschwung, einhergehend mit einer Öffnung auch im universitären Sektor, zum Beispiel den Bereich Transfer mitzudenken. Die Idee ist, kollaborativer zu arbeiten und Orte der Begegnung zu schaffen. Dritte Orte kann man aber nicht nur einfach "hinstellen", sondern muss sie moderieren. Ich glaube, Bibliotheken sind dafür prädestiniert, weil sie auch schon ohne großes Programm recht gut als Austauschort funktionieren und weil sie seit jeher viel Erfahrung mit der Bewahrung und dem Teilen von Wissen haben. Durch die Erarbeitung spezifischer Formate jedoch, konnten in den letzten Jahren diverse Communities angesprochen werden. Heute ist diese Arbeit leider stark von Sparmaßnahmen bedroht.

In Citizen Science geht es um das gemeinsame Generieren von Wissen. Inwieweit spielt der Ansatz in eurer Arbeit bereits eine Rolle? Welche könnte er spielen?

Wiebke: Das Teilen von Wissen, die Begegnung, der Austausch sind Kernelemente unseres Angebots. Ich glaube, dass es noch viel zu wenig für partizipative und offene Wissenschaft genutzt wird. Eigentlich wird immer nach Orten gesucht, an denen Forschung und Zivilgesellschaft zusammentreffen können und die niedrigschwelliger sind als Vorlesungssäle einer Universität. Bibliotheken sind dafür toll geeignet, weil sie – zumindest in unserem Fall – ein extrem diverses Publikum bieten. Man könnte hier Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, alle Expert*innen für ihre Leben, zur Zusammenarbeit motivieren. Aber auch klassische Citizen-Science-Projekte mit Crowdsourcing könnten die Bibliothek nutzen, um gemeinsam Daten auszuwerten und darüber ins Gespräch zu kommen. Wir bieten ja die Ausstattung an, also Medien und Werkstätten, Raum zum kooperativen Arbeiten und die dafür notwendigen elektronischen Geräte. Kooperative Forschungsprojekte könnten in der Bibliothek eine Basis haben. Einen physischen öffentlichen Anlaufpunkt, an dem sich Citizen Scientists treffen und neu Interessierte aufmerksam werden und sich informieren können. Es könnten Literatur und vielleicht auch Equipment für den Verleih angeschafft werden. Thematisch würde sich bei uns beispielsweise anbieten, zu Obdachlosigkeit zu forschen, weil bei uns viele Menschen ohne Wohnung ihren Tag verbringen. Oder Wissenschaftler*innen könnten ein Projekt starten mit den Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung, die unseren Sprachsalon besuchen. Aber das sind nur zwei spontane Ideen.

Welches Potenzial siehst du, eure Formate auch in Richtung der partizipativen Forschung zu erweitern? Welchen Mehrwert hätte das für eure Besucher*innen?

Wiebke: Wir haben viele Menschen hier, die gerne recherchieren und sich beteiligen. Auch solche, die viel Zeit haben. Ich denke, diese für partizipative Forschungsprojekte zu gewinnen, ist durchaus interessant. Es wären sicher Leute dabei, die sich gerne mit einem bestimmten Thema auseinandersetzen und die Forschung voranbringen würden. Es könnte auch ein Angebot für einen Austausch von Betroffenen zu einem Thema sein, aus dem dann Forschende etwas praktisch für ihre Arbeit ziehen und in eine Koproduktion gehen. Wir haben beispielsweise die Abschlussveranstaltung des Schwulen Museums und Spinnboden e.V. für das Projekt „Writing the Archive – über queere Zugehörigkeiten“ mit durchgeführt. Das Projekt hat Erinnerungspraktiken und die Repräsentation von rassifizierten, diasporischen und (post)migrantischen Leben im Archiv analysiert und in der Veranstaltung Zine-Beiträge präsentiert. Generell ist die Bibliothek ein geeigneter Ort für Forschung und Citizen Science kann eine tolle Ergänzung für die Nutzer*innen sein.

In der Citizen-Science-Strategie ist als Leitbild für 2030 verankert, dass u.a. bei Bibliotheken Citizen Science als Forschungs- und Transferansatz ein fester Bestandteil in den Leitbildern und im Selbstverständnis sein solle. Was braucht es auf dem Weg dahin?

Wiebke: In einigen Berliner Bezirken gibt es schon Ansprechpersonen für Citizen Science. Mir scheint, es fehlt oft noch die Initiative oder der Mut der Wissenschaft, die ja die meisten Projekte im Bereich anstößt, sich in den wirklich öffentlichen Raum zu begeben. Es wird sich noch zu viel im eigenen Umfeld bewegt, auch auf der Suche nach Mitforschenden. Sicherlich funktioniert auch die Bibliothek nicht für alle Themen gut. Aber zum Beispiel bei historischen Projekten, zur niedrigschwelligen Ansprache von Expert*innen des Alltags und aus ganz anderen Bereichen bietet es sich total an. Aus Gesprächen weiß ich, dass es nicht nur uns an der ZLB so geht, dass es kaum Anfragen gibt. Aber es braucht natürlich auch Kompetenz und Kapazitäten von Seiten der Bibliothek. Die Bespielung eines komplett öffentlichen Ortes ist für viele Forschende etwas Neues und braucht unsere Begleitung.

Das ist doch ein schöner Aufruf, sich auf die Logik des Raumes einzulassen und das Potenzial der Bibliothek zu nutzen.

Wiebke: Genau! Man kann natürlich auch mit Veranstaltungen einsteigen. Forschende könnten ihr Wissen teilen zu einem bestimmten Thema, Menschen begeistern und anschließend alle zusammensammeln, die Lust haben, sich einzubringen. Ich sehe wirklich viele Möglichkeiten. Ein Format, das ich mal im Museum für Naturkunde Berlin durchgeführt habe, könnte auch hier funktionieren: Forschende waren in den unterschiedlichen Ausstellungsräumen mit ihren Fragestellungen vor Ort und sind mit Besucher*innen, die zufällig vorbeikamen, darüber ins Gespräch gekommen. Das war total spannend und die Wissenschaftler*innen haben sich über den Input gefreut. Das könnte man auch in Bibliotheken sehr gut machen.

Das Spontane an der Bibliothek wäre dann für Citizen-Science-Projekte wohl Reiz und Herausforderung zugleich. Danke für das Gespräch und die verschiedenen Denkanstöße!

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Dieser Beitrag ist Teil unserer Blogreihe „Bibliotheken & Archive"

Leonie Malchow

Leonie ist über die Welt der Engagement- und Demokratieförderung bei der Citizen Science gelandet. Im Team ist sie für Projektmanagement und Kommunikation zuständig.